Was fasziniert uns am Leben eines Paulus oder Luther? Es ist das Charisma dieser Personen. Charisma ist aber gleichzeitig auch das, was die persönliche Existenz sinnvoll macht. Charismatisch zu leben heiĂt, die Bestimmung des eigenen Lebens zu erkennen, dieser Bestimmung zu folgen und damit einen Weg zu beschreiten, den nur eine und einer zu gehen imstande ist.
Ausgerechnet der tragische Sisyphos wird fĂŒr Kurt E. Becker zum charismatischen Individualisten der Moderne, der sich gemeinsam mit anderen zu dem aufschwingt, was kein Einzelner schafft. Becker verfolgt den steinewĂ€lzenden Helden von der Antike ĂŒber Goethes Faust zu Nietzsche und Rudolf Steiners Idee der Dreigliederung als Charisma in der Gemeinschaft. Das Buch bietet dabei mitreiĂende und provokante AnnĂ€herungen an Jesus, Paulus oder Goethe, wie man sie selten liest. Ein Ratgeber auf dem Weg zum Charisma in den Angelegenheiten des eigenen Selbst.
AuszĂŒge
"Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus sich rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um dich sich drehen? Wer diese Fragen im Sinne Zarathustras bejaht, hat sein Charisma gefunden, er ist bei sich in seinem Selbst angekommen, ein Sinnstifter in eigener Sache, ein Ăberwinder des PossenreiĂertums, ein FĂŒhrer, der die letzten Menschen aus ihrer GlĂŒcks-Lethargie, aus ihrem hedonistischen Phlegma zu reiĂen versteht."
Charisma heiĂt, die Bestimmung des eigenen Lebens erkennen und dieser Bestimmung folgen, damit einen Weg beschreitend, den nur eine/einer zu gehen imstande ist. Der Ăbermensch in unserem Selbst wird durch unser Charisma befreit von den Fesseln enger Ich-Sucht, sein Blick wird geweitet fĂŒr die Freiheit, sich im anderen, im Fremden wiederfinden zu können und dadurch eine wunderbare Entdeckungsreise des eigenen Selbst antreten zu können, um am Zielort dieser Reise zu erkennen, dass ein Existieren ohne den anderen Menschen nicht möglich ist. Mensch unter Menschen sein zu dĂŒrfen, steht deswegen in GroĂbuchstaben ĂŒber dem Eingang zu unserer charismatischen Selbstbestimmung.
Kurt E. Becker
Rezension
»Jedermann weiĂ um den Wahnsinn, unter dem das Weltgeschehen dieser Zeit vor sich geht, weiĂ also um die Ăbermacht der ihn umgebenden GefĂ€hrdung, doch niemand weiĂ dieselbe zu lokalisieren âŠÂ« Das sind Worte von Hermann Broch. Kurt E. Becker lĂ€sst den Dichter im zueignenden Zitat sprechen, als sei er unser Zeitgenosse. Dennoch verspricht Becker im Untertitel: âșGlĂŒcklich sein mit Sisyphosâč. Bezug genommen wird auf den Essay von Albert Camus âșDer Mythos des Sisyphosâč, der sich â wie so einiges â seit der Schulzeit durch Beckers Leben zieht. Nach Camus mache die Akzeptanz der AbsurditĂ€t »aus dem Schicksal eine menschliche Angelegenheit, die unter Menschen geregelt werden muss«. Er gehe ĂŒber das eigene Sein hinaus und verwirkliche sich im Sozialen. Der charismatische »Ăbermensch« Sisyphos suche sich deshalb Gleichgesinnte, um seine tĂ€gliche Aufgabe, einen Felsblock den Berg hinaufzuwĂ€lzen, erfĂŒllen zu können.
GlĂŒck entsteht demnach aus der Akzeptanz der AbsurditĂ€t des eigenen Seins. Ein GlĂŒck auĂerhalb des Sozialen anzunehmen, ist fĂŒr Becker schlicht ein Irrglaube. Daher gehöre zum charismatischen Menschen unlösbar das kommunikative Talent.
Bei der LektĂŒre von Nietzsches âșAlso sprach Zarathustraâč erfuhr der damals 16-jĂ€hrige Becker â noch bevor er dieses Wort kannte â ein Erweckungserlebnis fĂŒr das Charisma, das ihn seit Ende der siebziger Jahre ĂŒber die Promotion bis hin zu mehreren Buchveröffentlichungen umtreibt. Das vorliegende Buch, nach Bekunden Beckers wesentlich ein »sokratischer Dialog«, sei ein weiteres Zwischenergebnis der Auseinandersetzung mit dem Thema und verbunden mit den persönlichen vier »SĂ€ulenheiligen«: Sokrates, Max Weber, Rudolf Steiner und Nietzsche. Dessen Definition des Ăbermenschen, »der römische CĂ€sar mit Christi Seele«, dieses »erotisierende VerhĂ€ltnis von Macht und GĂŒte« lieĂ ihn seither nicht mehr los. Denn was sei Macht ohne GĂŒte und GĂŒte ohne Macht? Folgerichtig ist das erste Kapitel dem Philosophen der »Umwertung aller Werte« und seinem »Buch fĂŒr alle und keinen« gewidmet. In der Figur des SeiltĂ€nzers erscheint der Balanceakt des modernen Menschen Â»ĂŒber den AbgrĂŒnden der von uns geschaffenen Welt«. Ein »bunter Gesell«, ein PossenreiĂer mit dem Gemecker eines Teufels, desavouiert dessen Darbietung ĂŒber der gebannt zuschauenden Menge. Der SeiltĂ€nzer stĂŒrzt in die Tiefe, das Volk nimmt ReiĂaus.
Wer sind nun diese schrillen PossenreiĂer, die uns zum VerhĂ€ngnis werden, fragt der Autor und antwortet mit einer Vision Nietzsches ĂŒber den EuropĂ€er im Angesicht einer »ungeheuren TrĂŒmmerwelt«, wunderschöner Ruinen, ĂŒberwachsen mit Unkraut. Dieses so erhaben am Boden ZertrĂŒmmerte sei nichts anderes als der abendlĂ€ndische Mensch, folgert er. Und wenn jener nur ein Ideal gewesen sei, können wir seine Wirkung bis heute spĂŒren, vor allem in der »BeschĂ€ftigung des Menschen mit sich selbst«, die es â der alttestamentarischen Weisung folgend â bewirke, aus der Natur herauszutreten, sich in einer »totalitĂ€ren Ăkonomisierung« die Erde untertan zu machen.
Hier fĂ€llt nun das Wort Nietzsches, wohlgemerkt von einem Coach fĂŒhrender WirtschaftskrĂ€fte, der Becker neben vielem anderen auch ist: Die industrielle Kultur, sei »die gemeinste Daseinsform, die es bisher gegeben hat«. Der eindimensionale Blick und das beschrĂ€nkte Handeln daraus ist es, was nach seiner Meinung ĂŒberwunden werden mĂŒsse. Wir sollten uns mit Zarathustra die Frage stellen: »Was ist der Sinn der Erde?« Es ist der Ăbermensch â und das bedeute, sich nicht nur mit dem eigenen, sondern auch mit dem fremden Selbst auseinanderzusetzen, ĂŒber alle Grenzen hinweg. Damit sind wir wieder bei der charismatischen FĂŒhrung â und erfahren dabei so bisher nicht Gedachtes, zum Beispiel ĂŒber Khomeini: »Seine Macht Ă€uĂerte sich gemeinschaftsstiftend, Himmel und Erde, Gott und Welt in einem tief empfundenen âșWirâč vereinend«, beschreibt Becker den hochgelehrten Geisteswissenschaftler Khomeini vor der Revolution. Nach der Revolution wurde der Iran eine islamische Republik, die letztlich auch den Dschihad verfassungsmĂ€Ăig legitimiert. Dass dessen MĂ€rtyrer vorm Auslöschen der eigenen Existenz nicht Halt machen, ist etwas, was unsere westliche Zivilisation nicht mehr zu begreifen fĂ€hig ist. Und so gelte dem einen das Reich des Bösen als Reich des Guten und umgekehrt. Ăhnlich verhalte es sich mit dem Charisma. »Wie ihr das Leben liebt, so lieben wir den Tod«, zitiert der Autor die IS-Propaganda als Beleg dafĂŒr, dass ein charismatisches GlĂŒckserlebnis auch kulturell bedingt ist.
In einer auf materielle BedĂŒrfnisbefriedigung reduzierten Welt werde »mit der Religion auch das Geistige« verbannt. Auf der Strecke bleibe damit zugleich das Soziale, argumentiert er, um zu einem weiteren »SĂ€ulenheiligen« zu gelangen: Rudolf Steiner, der Erziehung, Bildung und Kunst dagegensetzt â »allesamt mit erheblichen sozialen Implikationen«. Sein Sozialimpuls und das damit verbundene Auffinden der Dreigliederung des sozialen Organismus â also das Durchdringen des Wirtschafts- und Rechtslebens mit dem des Geisteslebens â sei »eine Revolution aus dem Innersten des Menschen heraus« und bleibe »zeitlos relevant«. Doch Steiner fehlten, so der Autor, zur »instrumentellen Durchsetzung« die nötigen »Gefolgsleute an den Schalthebeln der Macht«. Steiners Charisma habe »die Strahlkraft des Geistigen« in all seinem Wirken besessen â etwa in der von ihm begrĂŒndeten HeilpĂ€dagogik, die eine Mitwirkung der seelenpflegebedĂŒrftigen Menschen »beim gemeinschaftlichen FelsblockwĂ€lzen als wesentlich« diagnostiziert. Mit Karl König habe dann eine Entwicklung und Fortschreibung stattgefunden â in dessen zutiefst charismatisch inspirierter Ăberzeugung, dass die gesamte Menschheit seelenpflegebedĂŒrftig sei.
Beckers Buch ist eine gebildet-unterhaltsame Reise durch die Kulturgeschichte auf den Schwingen des Charismas, das wir hier als notwendig und pflegebedĂŒrftig erkennen, angefangen bei den alten Griechen, ĂŒber den Beginn des Christentums und dessen Widersachern (am Beispiel des Mephistopheles im âșFaustâč) bis hin zum BegrĂŒnder der Anthroposophie und den schier unlösbaren Problemen unserer Gegenwart. Durchdrungen ist sein Charisma von einer Â»ĂŒbermenschlichen« Menschlichkeit, die stets nach der GĂŒte und dem Sinn der Erde fragt.
Quelle: Die Drei, Heft 8/9, 2016