Wie können wir die Gedanken der Anthroposophie so denken, dass wir mit dem Wesen der Anthroposophie auch durch unser Herz verbunden sind? Und wie können sich Gemeinschaften bilden, die von der lebendigen Anthroposophie gesegnet sind? Was bedeutet ein Leben mit der Anthroposophie heute? AufsÀtze, die um diese Thematik kreisen, sind in diesem Band zusammengestellt.
Rezension
Nach der LektĂŒre von Johannes Greiners Buch bleibt mir eine eindringlich-dringliche Stimmung zurĂŒck: Einweihung, das ist heute kein Vorgang in verborgenen Riten und Tempeln, auch keine Lebensoption fĂŒr einige wenige AuserwĂ€hlte, sondern das offenbare Geheimnis einer erwachenden Lebenspraxis und Zukunftsnotwendigkeit.
Das bedeutet nicht, dass wir dafĂŒr schon bereit sind. âșEs ist alles ganz andersâč, so lautet der Titel auf dem Einband des bereits in zweiter Auflage erscheinenden Buchs â aber diese Worte sind auch eine Frage: Sind wir bereit fĂŒr das Unerwartbare und dazu, alle bekannten Sicherheiten loszulassen, wenn der Schleier sich hebt â uns aufeinander einzulassen? Denn das erwartet uns wohl jenseits der Schwelle.
Dein Weg ist mein Schicksal und deine Freiheit meine Pflicht â in dieser Formel lĂ€sst sich vielleicht der Grundton einfangen, in dem Greiner ein zukunftstragendes VerhĂ€ltnis von Lehrer und SchĂŒler, Mensch und Geist, Gemeinschaft und Karma, Anthroposophie und Gesellschaft, Gegenwart und Zukunft skizziert. Und er findet damit den Mysterienort der Gegenwart im Ereignisraum des Sozialen â wo zwei oder drei versammelt sind in Seinem Namen.
Dabei ist er so einfĂŒhlsam wie deutlich. Ich finde Beschreibungen wie: »Wenn das Karma vorausgefĂŒhlt wird, werden scheinbar kleine Alltagentscheidungen schwer« â worin Greiner eine Signatur der Seelenkonstitution vieler junger Menschen von heute erkennt. Oder: »Das Goetheanum ist noch immer ein Ort, an dem das Karma auf besondere Weise wirken kann.« Wobei er gleichzeitig fragt: WĂŒrden wir als Anthroposophen Rudolf Steiner ĂŒberhaupt erkennen, wenn er in seiner gegenwĂ€rtigen Biografie an unsere Tore klopft, oder ihn mit UnverstĂ€ndnis zurĂŒckweisen? »Wer tröstet die Abgewiesenen?« Es gehört aber zur besonderen QualitĂ€t dieser Essays, dass ihr Autor auch diese Frage nicht ĂŒbersieht: »Wie sollen die blinden TorwĂ€chter mit ihrer Schuld leben?«
Es wird durch diese Andeutungen hoffentlich spĂŒrbar, dass hier ein Mensch schreibt, dem die Anthroposophie nicht nur ein Herzensanliegen ist, sondern fĂŒr den der konsequente Blick auf die Gegenwart aus einer karmisch erweiterten Perspektive zur Lebenspraxis geworden ist. Dies aber nicht im Sinne von Neugier oder Spekulation, sondern mit einer Haltung der Verantwortung und Hingabe â wobei erlebbar wird, wie folgende Aussage Steiners zur Lebensaufgabe werden kann: »Was vereinigt die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft? Das vereinigt sie, dass sie ihr Karma in Ordnung bringen sollen!«
Wer den Autor einmal erleben durfte, hört ihn auch in seinen Texten sprechen. Aufmerksam, warm und hemdsĂ€rmelig auf hohem Niveau â wenn auch nie gekleidet in den glitzernden Schein intellektueller PrĂ€gnanz, sondern mit herzlicher Durchdringung und aus eigenstĂ€ndigem Denken. Am Ende kommt Greiner bei ganz einfachen Wahrheiten an. Wir können den Weg zu diesen mit ihm gehen und sein ernsthaftes Anliegen an die Zukunft und Gegenwart der Anthroposophie â aber noch mehr, an den Menschen! â teilen. Und da diese Wahrheiten keine abstrakten Formulierungen sind, sondern Herzensanliegen der inneren Orientierung, können sie zu einem Leitstern in jedem Augenblick des Tages werden.
Es ist ein wenig wie das Bild der Umschlaggestaltung: dunkel und schemenhaft in sanfter Zeichnung, fast transparent ein einsamer Reiter â und ĂŒber ihm hellt sich der Horizont leicht auf unter dem zarten Strahlen eines Sterns. Gerade in der Dunkelheit leuchtet das Bild auf, gerade in der Einsamkeit des Reisenden spricht sich sein »Wohin«, seine Verbundenheit zu seinem Ziel in leisen Tönen aus.
»In der Zukunft wird die Möglichkeit, durch das Machtprinzip fĂŒr die Anthroposophie zu wirken, immer weiter abnehmen«, zitiert Greiner Werner Kuhfuss und beschlieĂt die Reihe seiner Essays mit einer Alternative, wie er sie in seinem Blick auf die Apokalypse der Essener findet: »Und als unsere Finger sich fassten, / Sah ich in der Ferne eine groĂe Stadt / WeiĂ schimmernd am fernen Himmelsrand ...«
Eine neue Zukunftswelt von sozialen Tempeln â das Himmlische Jerusalem â zeigt sich, wenn wir uns die Hand reichen: Mit diesem Bild endet das Buch und es ist spĂŒrbar, wie bewusst dieser Schlussakkord gewĂ€hlt ist: »Wir mĂŒssen fĂŒreinander Engel werden!« Welches Vertrauen haben die geistigen Welten in uns, dass sie uns das zutrauen!
»Ich werdâ vor deinem Tor mir eine WeidehĂŒtte bauân, um meiner Seele, die bei dir haust, nah zu sein ...« (aus dem Film âșLost and Deliriousâč).
Quelle: Die Drei, Heft 1/2, 2017