Er nimmt dabei den Leser mit auf eine spannende Entdeckungsreise durch das Reich der Mineralien, der Pflanzen, Tiere und des Menschen; fĂŒr das medizinische Handeln eröffnen sich dabei vielfĂ€ltige, ungewohnte Perspektiven.
In der FĂŒlle naturwissenschaftlicher Einzelheiten suchen wir heute den ganzen Menschen. Der Autor zeigt Wege, wie man den Menschen wieder im Lebenszusammenhang mit der Natur und seiner geistigen Herkunft erfassen kann. Das ist auch fĂŒr die Anthroposophische Medizin die wesentliche Grundlage. An vielen Beispielen wird illustriert, wie ein phĂ€nomenologisches Naturerkennen zu einem VerstĂ€ndnis des menschlichen Organismus und seiner verschiedenen Krankheitsbilder fĂŒhrt und wie sich von hier aus Wege zu einem ganzheitlichen Heilprozess erschlieĂen.
1. Form und Leben: Die Körpersprache der Organe. Sklerose und EntzĂŒndung. Die Lebensspannung zwischen Herz und Lunge. Der Rhythmus trĂ€gt das Leben. Das Ganze lebt im Teil | 2. Leben und Bewusstsein: Der Weg nach innen im Tierreich. Das Hormon der SchilddrĂŒse. Leben als BrĂŒcke zwischen Leib und Bewusstsein. Der Patient zwischen Psychologie und Neurologie. Wer ein Klavier trĂ€gt, hat nichts zu lachen. Griechischer Bildhauer bei der Arbeit. Die Aufrichtung als biomechanisches Problem. Denken: ein Sondermerkmal des Menschen? Die Lust auf Gefahr | 3. Der Mensch und die NaturvorgĂ€nge: Gebirgsformationen der Erde und Mineralisierungsprozesse im Menschen. KieselsĂ€ureprozesse. Naturbilder des Eisens. Wie Pflanzen und Tiere mit ihren Geweben umgehen. BĂ€ume, Giftpflanzen und Pilze | 4. Krankheitsbilder: Auge und Magen. Die Gallenblase. Neurasthenie und Hysterie. Ăbergewicht und Esssucht. Asthma. MigrĂ€ne. Die Pneumonie. Fieber und Wille. Die Krebserkrankung | 5. Wirkprinzipien der Heileurythmie: Wachstums- und Muskelbewegungen. Mit der WirbelsĂ€ule hören. Das Hinterhaupt von innen. | 6. Medizinisches Denken und Ă€rztliche Moral: Das spezifisch Menschliche. Die FĂ€higkeit zu irren. Euthanasie heute. Der Mensch als Pflegefall. Der Tod eine Erlösung?
Rezension
Als Thomas McKeen, Arzt und BegrĂŒnder des anthroposophischen Ărzteseminars an der Filderklinik, an seinem 40. Geburtstag ĂŒberraschend verstarb, ĂŒbernahm Armin Husemann die Leitung dieses Seminars. SpĂ€ter nannte er es, im Gedenken an den von Rudolf Steiner so hoch geschĂ€tzten Arzt, âșEugen-Kolisko-Akademieâč. Nach vielen Jahren des Lehrens erging an Armin Husemann der Auftrag, in einem Buch, quasi als Skript seiner Vorlesungen, die zentralen Inhalte des Hauptkurses zusammenzufassen. So entstand sein neuestes Werk âșForm, Leben und Bewusstseinâč.
Er konnte dabei insbesondere anknĂŒpfen an sein Buch âșDer musikalische Bau des Menschenâč, jedoch auch an sein letztes Werk âșDer hörende Mensch und die Wirklichkeit der Musikâč. Zwei weitere BĂ€nde mit menschenkundlichen Ausarbeitungen ĂŒber âșDie Blutbewegung und das Herzâč sowie die Physiologie der kindlichen Entwicklung (âșVom Licht in die Schwereâč) sind in Vorbereitung. Immer ist die Methode die der plastischen, musikalischen und sprachlichen Menschenkunde, wie dargestellt in dem von ihm herausgegebenen Band âșMenschenwissenschaft durch Kunstâč.
Nach dem Abitur vor der Entscheidung stehend, Musik oder dann spĂ€ter Medizin zu studieren, konnte Armin Husemann sein KĂŒnstlertum immer wieder in VortrĂ€gen und Kursen am Klavier, in praktischen-plastischen Ăbungen oder als Darsteller in Rudolf Steiners Mysteriendramen beweisen. Es kann im wahrsten Sinne des Wortes begeistern, das Wesen einer Krebserkrankung durch das VerstĂ€ndnis musikalischer Intervalle wie von innen zu verstehen â Ă€hnlich wie Novalis in seinen medizinischen Fragmenten schreibt: »Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem, die Heilung eine musikalische Auflösung«.
Beim Lesen von âșForm, Leben und Bewusstseinâč kann deutlich werden, dass die Lehrinhalte, die in das Buch eingeflossen sind, in der âșEugenKolisko-Akademieâč intensiv flankiert werden von eurythmischen, plastischen, sprachlichen und musikalischen Ăbungen des DozentenKollegiums. So wie neben Ărzten und Medizinstudenten inzwischen auch immer wieder nicht-Ă€rztliche Therapeuten sowie Waldorflehrer diese goetheanistische AusbildungsstĂ€tte mit Gewinn besuchen, dĂŒrften von Armin Husemanns Darstellungsweise in diesem Buch auch viele Leser anderer Berufsgruppen profitieren, die das Anliegen haben, eine in der Auseinandersetzung mit Anthroposophie geschulte »anschauende Urteilskraft« zu entwickeln.
Die medizinische Forschung der letzten Jahrzehnte hat zu einer immensen Vermehrung von Detailwissen â auch in den GrundlagenfĂ€chern Anatomie, Physiologie und Biochemie â gefĂŒhrt; immer mehr wurde der Arztberuf von der Notwendigkeit zunehmender Spezialisierung bestimmt, mit dem Vorteil, dass ich mich bei RĂŒckenbeschwerden an einen hoch spezialisierten WirbelsĂ€ulenchirurgen wenden kann. Er kann vielleicht mit einer Operation helfen, wenn die Schmerzen wirklich durch den diagnostizierten Bandscheibenvorfall bedingt waren â sind sie jedoch ĂŒberwiegend psychosomatisch begrĂŒndet, bleiben die Schmerzen vielfach bestehen und eine ganzheitliche Betrachtungsweise ist gefragt. Zu dieser fĂŒhren gleich die ersten Kapitel von âșForm, Leben und Bewusstseinâč hin. Das menschliche Skelett wird mit Kategorien erfasst, die sowohl seelisch, als auch physisch greifbar sind, z.B. »Offenheit und Geschlossenheit« oder »Form und Bewegung«. Im Sinne der Dreigliederung des menschlichen Organismus wird der Brustkorb sofort verstĂ€ndlich in seiner Morphologie und Funktion, an Herz und Lunge fĂŒr diese Organe gestaltet zu sein. Können Herz und Lunge einfacher und zugleich treffsicherer charakterisiert werden als durch die SĂ€tze »Atmung ist von Bewegung unterbrochene Ruhe. HerztĂ€tigkeit ist von Ruhe sehr kurz unterbrochene Bewegung«? Immer wieder gelingt es Armin Husemann in hervorragender Weise, Teilfunktionen â wie z.B. die des menschlichen Kehlkopfes in seiner komplizierten Physiologie â auf das Ganze des menschlichen Organismus zu beziehen, ein geistiges Band herzustellen, das vielfĂ€ltige BezĂŒge schafft.
Bewegungsmangel als Ursache vieler sogenannter »Zivilisationskrankheiten« wie Diabetes mellitus Typ 2 ist heute in aller Munde. Auf wenigen Seiten schafft es der Autor, eine Beziehung zwischen Bewegung, WĂ€rme, EntzĂŒndung und KindheitskrĂ€ften menschenkundlich zu begrĂŒnden, die zeigt, dass das Problem nicht allein durch Joggen, sondern genauso durch geistige Beweglichkeit und kĂŒnstlerische KreativitĂ€t gelöst werden muss. In diesem Sinne ist an Goethe zu erinnern, der von seinen »vielen PubertĂ€ten« sprach, ohne die derartig grandiose SpĂ€twerke wie die âșMarienbader Elegienâč nicht möglich gewesen wĂ€ren.
Wenig spĂ€ter trifft man auf die Ăberschrift: âșDer Tod mitten im Lebenâč. Damit ist kein Kriminalroman gemeint, sondern der Sehvorgang, bei dem das Licht den Sehpurpur zerstört, der wieder aufgebaut werden muss, damit weiteres Sehen möglich ist. An vielen Tatsachen wird gezeigt, wie Bewusstsein und Todesprozesse, Abbau und Zerfall (z.B. von Strukturproteinen der Neuronen) zusammenhĂ€ngen. Sogar die Maus bestĂ€tigt diesen Sachverhalt, in dem die lĂ€nger schlafende Hausspitzmaus doppelt so lange lebt wie die kĂŒrzer schlafende Waldspitzmaus. Es berĂŒhrt sehr, wenn im folgenden Kapitel am Beispiel des MĂ€rchens vom âșGevatter Todâč dieser als Lehrer des Arztes gesehen wird, wie ĂŒberhaupt die weitreichenden Inhalte des Buches in ihrer BilderfĂŒlle letzten Endes wiederholt und meditativ gelesen sein wollen.
Nicht leicht zugĂ€nglich ist der Abschnitt ĂŒber die Gebirgsformation der Erde und die Mineralisierungsprozesse im Menschen. Hier ist auf zwei Seiten ein zu groĂer Bogen geschlagen, die FĂŒlle der erwĂ€hnten Gesteine fĂŒr den NichtGeologen zu groĂ, und so werden z.B. die sieben Ăffnungsbewegungen des ersten Mineralisationszyklus im Erzgebirge kaum erlĂ€utert.
Ein groĂartiger und sofort nachvollziehbarer Zusammenhang wird im Kapitel ĂŒber die MigrĂ€ne entwickelt. Ausgehend von einer Exkursion in die SchwĂ€bische Alb erscheinen im weiĂen, braunen und schwarzen Jura die Wirkprinzipien des MigrĂ€neheilmittels âșKephalodoronâč wieder. Natur- und Krankheitsbetrachtung sind hier auf die glĂŒcklichste Weise vereint.
Die ĂberfĂŒlle der dargestellten Inhalte fĂŒhrt teilweise zu SprĂŒngen, aber gerade diese regen den Leser an, Themen weiterzubearbeiten, zu vertiefen, an der eigenen anschauenden Urteilskraft zu arbeiten. So kann mit groĂem Gewinn im Anschluss an die Schilderung der Entwicklung des Auges das Kapitel von Johannes W. Rohen ĂŒber den Sehvorgang und die Sehbahn aus seiner âșMorphologie des menschlichen Organismusâč studiert werden oder auch die ganze Biochemie des Vitamin A.
Vorbildlich und begeisternd gestaltet ist das Kapitel ĂŒber die Wirkprinzipien der Heileurythmie. Man wĂŒnscht sich sofort ein umfassendes Lehrbuch ĂŒber Eurythmie, in dem alle Laute so ausfĂŒhrlich wie das E goetheanistisch entwickelt werden. Neben SchulĂ€rzten profitieren Lehrer und HeilpĂ€dagogen aus dem bereits an anderer Stelle veröffentlichten Abschnitt ĂŒber Legasthenie-Therapien der Waldorfschule. Aus der Metamorphose des Bewegungssinnes in den Lautsinn wird sowohl die heileurythmische Therapie als auch der therapeutische Ansatz im ergĂ€nzendem Förderunterricht begrĂŒndet.
Das Schlusskapitel ĂŒber medizinisches Denken und Ă€rztliche Moral ist eine aktualisierte Fassung von Husemanns vergriffenem Buch ĂŒber Euthanasie und zeigt, wie ethisches Handeln nur aus einer Menschenkunde heraus entwickelt werden kann, die in allen LebensĂ€uĂerungen des Menschen das Wirken eines Geistwesens als Ich-Organisation sehen kann. Nur dadurch unterscheidet sich der Mensch eindeutig vom Tier, nur dadurch ist zu verstehen, dass der Tod eines Tieres grundsĂ€tzlich anders als der Tod eines noch so schwer kranken oder behinderten Menschen verstanden werden muss. Sterben als Geistgeburt â auch hier wird wieder der Tod der Lehrer des Arztes.
Ich freue mich auf die noch kommenden Werke von Armin Husemann!
Quelle: Die Drei, Heft 4, 2016