«Als ich vor ĂŒber vierzig Jahren der Anthroposophie begegnete, dachte ich zuerst, Rudolf Steiner wĂŒrde noch leben. Ich absolvierte gerade meine letzten Monate als Soldat in Rom, als ich auf einem Flohmarkt ein Buch ĂŒber Steiners Leben und Werk fand. Erst am Ende der LektĂŒre stellte es sich heraus, dass er bereits Jahrzehnte vorher gestorben war. Ein GesprĂ€ch mit ihm war also nicht mehr möglich. Und wie gerne hĂ€tte der damals ZweiundzwanzigjĂ€hrige den Eingeweihten persönlich kennengelernt. ZunĂ€chst blieb ihm also nur ĂŒbrig, sich in das anthroposophische Studium zu vertiefen, um Antwort auf die Fragen zu bekommen, die sich seit lĂ€ngerer Zeit angesammelt hatten. Dann besuchte ich das Goetheanum in Dornach, wurde Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft und spĂ€ter der Freien Hochschule fĂŒr Geisteswissenschaft und schlug einen neuen Berufsweg ein.»
In dieser Autobiografie, die eine ĂŒberaus berĂŒhrende und wesentliche Schrift ist, erzĂ€hlt Mario Betti von seinem Pfad, aufrichtig und durch viele Klippen des Lebens hindurch, mit inneren Fragen, die erwachten und sich immer intensiver geltend machten, mit spirituellen Erlebnissen, anfĂ€nglich auch mit TrĂ€umen, darunter von Rudolf Steiner selbst.
Aus dem Vorwort von Peter Selg
Rezension
Eine biografische ErzĂ€hlung, die aus Kenntnis des persönlichen karmischen Hintergrundes verfasst ist, kann einen Tiefgang möglich machen, wie es kein Memoirenschreiber fertigbrĂ€chte. Mit der vorliegenden Autobiografie gibt Mario Betti ein Beispiel dafĂŒr, wie der SchicksalsfĂŒhrung im eigenen Leben erzĂ€hlend nachgespĂŒrt werden kann.
Die wohlbehĂŒtete Kindheit in einem Vorort von Lucca fiel in die unmittelbare Nachkriegszeit, mit zwei um fĂŒnf und zehn Jahre Ă€lteren BrĂŒdern. Die an der Stadtmauer gelegene Umgebung bot vielerlei Spielmöglichkeiten mit gleichaltrigen Kindern. Doch eine frĂŒhzeitige Einschulung des FĂŒnfjĂ€hrigen blieb nicht ohne Folgen: Weil dies gesetzlich in Italien so nicht möglich war, wurde er zunĂ€chst von einer Privatlehrerin unterrichtet und ein Jahr spĂ€ter gleich in die zweite Klasse der Grundschule aufgenommen. Der Ăbergang in die weiterfĂŒhrende Mittelschule gestaltete sich dann aber schwierig. Immer wieder wurde er krank und musste mehrfach die Klassenstufen wiederholen. Die italienische Mittlere Reife erhielt er nach eigenen Worten nur, um in die Berufsschule ĂŒberwechseln zu können.
Aber inzwischen hatte sich eine Sprachbegabung gezeigt, z.B. an der Vorliebe, eine Bemerkung gleich in mehreren Sprachen herzusagen. Die Eltern lieĂen ihn deshalb eine kaufmĂ€nnische Ausbildung an einer Hotelfachschule in Montecatini ergreifen. Der damit verbundene Sprachunterricht in vier europĂ€ischen Fremdsprachen â neben Englisch und Deutsch auch Spanisch und Französisch â eröffnete ihm einen beruflichen Werdegang, der ihn in mehrere europĂ€ische LĂ€nder fĂŒhren sollte. Praktika wĂ€hrend dieser Ausbildungszeit fanden unter anderem im SĂŒden Englands und in Stuttgart statt. Die erste berufliche Anstellung fĂŒhrte ihn nach Barcelona. Es liegt auf der Hand, welche Anregungen damit verbunden waren und wie Betti im Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen einen lebendigen, beweglichen Geist entwickeln konnte.
WĂ€hrend der unvermeidlichen militĂ€rischen Grundausbildung in Rom fand Betti ein BĂŒchlein des brasilianischen Schriftstellers Inglez de Souza, das ihn mit den Ideen Rudolf Steiners bekannt machte. Fortan war die Anthroposophie Teil seines geistigen Strebens. Die TĂ€tigkeit in einem Hotel in ZĂŒrich ermöglichte in der freien Zeit AusflĂŒge nach Dornach, wo er wenige Monate spĂ€ter eine bezahlte Anstellung fand. Damit war die â siebenjĂ€hrige â berufliche TĂ€tigkeit im Hotelgewerbe beendet. Mit vollem Eifer nutzte er nun die ihm zur VerfĂŒgung stehende Zeit, um an anthroposophischen Kursen teilzunehmen, sich in Sprachgestaltung, Eurythmie und Malen zu ĂŒben und die laufenden VortrĂ€ge hören zu können. So begegnete er Persönlichkeiten wie Hans BĂŒchenbacher, Friedrich Hiebel und Herbert Witzenmann und erlebte die festgefahrenen Konflikte um die Nachlassfrage am Goetheanum. Vielleicht waren es diese VerhĂ€rtungen, die ihn spĂ€ter wiederholt darstellen lieĂen, wie sich gegensĂ€tzliche Geistesströmungen und Weltanschauungen gerade in ihrer PolaritĂ€t ergĂ€nzen.
So intensiv ging er in der am Goetheanum gelebten Sprachenvielfalt auf, dass bei einer Begegnung mit Bruno Nardini Zweifel an seiner italienischen Muttersprachlichkeit aufkamen. Nardini, der im Verlag Mondadori eine leitende Funktion ausĂŒbte, verschaffte ihm dort eine Anstellung, weshalb die noch in Dornach begrĂŒndete Familie mit ihm nach Verona zog. Viele weitere Ortswechsel folgten, stets verbunden mit neuen Lebensaufgaben. Betti wurde zweiter GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Waldorfschule am Engelberg, absolvierte am Emerson College eine Ausbildung zum Waldorflehrer, kehrte als Lehrer fĂŒr Englisch, Geschichte und Kunstgeschichte an den Engelberg zurĂŒck, wurde Dozent erst an der Alanus-Hochschule in Alfter und schlieĂlich am Lehrerseminar in Stuttgart. Allen diesen Wechseln lag ein feines GespĂŒr fĂŒr die mangelnde Ăbereinstimmung von innerer und Ă€uĂerer Situation zugrunde oder sie wurden durch Schicksalsereignisse förmlich erzwungen. Mit der Zeit wurde die Erkenntnis der SchicksalskrĂ€fte immer mehr in den eigenen Willen aufgenommen und konnte in der TĂ€tigkeit als Dozent und Berater zum Ausdruck gebracht werden. Auch die Arbeit als Schriftsteller wurde intensiver, vor allem, nachdem gesundheitliche Probleme eine Reduzierung des Lehrauftrags erforderlich machten.
Es fĂ€llt auf, dass der Lebensbericht die spĂ€teren Jahre eher gerafft wiedergibt. Regelrecht ĂŒberraschend war es mir, dass Mario Betti die eigenen Schriften recht beilĂ€ufig erwĂ€hnt. Dabei hat er durch sie einen bedeutenden Beitrag zum Dialog und gegenseitigem VerstĂ€ndnis der verschiedenen Geistesströmungen innerhalb der Anthroposophie geleistet. Mit seinem Buch ĂŒber âșPlatonismus â Artistotelismus und die Zukunft der Anthroposophieâč gelang es ihm, diese Geistesströmungen in ihrem geschichtlichen Verlauf transparent zu machen. Und doch weist bereits die erste deutschsprachige Veröffentlichung âșWer ist der Gralâč von 1984 darauf hin, dass andere GrundpolaritĂ€ten von Mysterienströmungen in der Welt ebenso wirksam sind wie dieser oft genannte Gegensatz. Italien und Deutschland haben beide bedeutende Kulturleistungen hervorgebracht und waren ĂŒber Jahrhunderte im Heiligen Römischen Reich miteinander verbunden. Wie eine schöpferische Transformation dieser alten Verbindung zu Beginn eines neuen spirituellen Zeitalters erscheint diese mit leichter Hand erzĂ€hlte und dennoch tiefschĂŒrfende Lebensbeschreibung.
Quelle: Die Drei, Heft 6, 2016