Die Entstehung eines neuen VerstÀndnisses der Zeit | Das Erleben der Zeit im Menschen: Das Leib-Seele-Problem und die Bildung des GedÀchtnisses | Zeitliche Dimensionen im VerhÀltnis zwischen Mensch und Kosmos das VerhÀltnis von Dauer und Entwicklung | Die «Ich-Dimension» der Zeit praktische Konsequenzen von Rudolf Steiners Zeitanschauung | Die meditative Erfahrung der Zeit als Zukunftsaufgabe
Rezension
Beginnt mit Donald Trump ein neues Zeitalter? Rissig werdende Atomkraftwerke sind eine Zeitbombe. Noch wenige Jahre, dann kommt das autonome Autofahren. VW will in zehn Jahren eine Million Elektroautos bauen ...
Wer die Probleme der Welt erfassen will, der konzentriert sich auf diese Probleme. Das Werden hingegen, die unvermeidlichen VerĂ€nderungen in der Zeit, das Weiterlaufen der Zeit (zumeist in eine Richtung) gleitet wie nebenbei mit â was sich zu Ă€ndern hat, worauf dieses Buch aufmerksam macht.
Wir ziehen die festgefĂŒgte und nachvollziehbare Richtung der Zeit der Unsicherheit eines Seins vor, das in fortwĂ€hrendem Werden und Vergehen begriffen ist. FĂŒr die Ăkologie der Zeit, der dynamischen, ja, auch der apokalyptischen Dimension unserer heutigen Zeit, oder gar fĂŒr die Zeit als Wesen haben wir kein Bewusstsein. Unser Zeitbewusstsein bedarf jedoch der SchĂ€rfung, gerade weil wir zwischen den Extremen leben: Auf der einen Seite verschwindet die Zeit durch eine zunehmende Beschleunigung unseres Alltags, was uns atemlos und erschöpft zurĂŒcklĂ€sst. Auf der anderen Seite können und wollen wir uns in ein transzendentes Erleben der Zeitlosigkeit zurĂŒckziehen. Aber wir haben kein Bewusstsein fĂŒr die QualitĂ€t der Zeit. Ist diese wirklich ein einheitlicher, gleichbleibender Strom?
Wenn dem so wĂ€re, dann wĂŒrde sich ja alles Leben stĂ€ndig immer höher und weiter entwickeln. Das ist aber nicht der Fall. Wie wir an uns selbst sehen, aber auch in der lebenden Natur beobachten können, gibt es zwar einerseits ein aufwĂ€rts Strebendes, sich immerfort Entwickelndes. Aber es gibt auch das Gegenteil, das abwĂ€rts Strebende, den Verfall, das Altern und schlieĂlich das Sterben. Diese QualitĂ€t steht der anderen des sich entwickelnden Lebens offensichtlich entgegen. AufwĂ€rts und abwĂ€rts gehende Entwicklung stellen also zwei entgegengesetzte QualitĂ€ten der Zeit dar, die auch unterschiedlich erlebt werden, worauf Rudolf Steiner â er spricht von einem »Doppelstrom der Zeit« â schon 1881/82 aufmerksam gemacht hat, und was sich als Grundmotiv durch sein gesamtes Lebenswerk hindurchzieht. Dem spĂŒrt Andreas Neider in diesem Buch nach. Unter dem Gesichtspunkt »Zeit im Werk Rudolf Steiners« hat er ausgewĂ€hlte Texte zusammengestellt und kommentiert, um dadurch notwendiges Zusammenhangswissen zu vermitteln, das einen Zugang zum VerstĂ€ndnis der Zeit im Werk Rudolf Steiners möglich macht.
»Wir mĂŒssen anerkennen, dass der Begriff der Zeit in der Form, wie wir ihn im Ă€uĂeren Leben kennen, gar nicht anwendbar ist, wenn wir vom geistig-seelischen Wesen des Menschen sprechen«, sagt Steiner einmal, womit angedeutet ist, was Neider herausgearbeitet hat. Das Bewusstsein fĂŒr die QualitĂ€t der Zeit ist gegenwĂ€rtig ein umkĂ€mpftes Feld, wie an dem Aufstieg der Chronobiologie oder der HerzfrequenzvariabilitĂ€t gezeigt werden kann. Womit aber noch immer nicht viel ĂŒber das Geheimnis der Zeit ausgesagt ist. Was also ist dieses rĂ€tselhafte Fluidum, in dem sich alles bewegt, was lebt, sich entwickelt und wieder vergeht?
Im Werk Rudolf Steiners finden sich, wenn auch verstreut, zahlreiche AusfĂŒhrungen zu Wesen und Geheimnis der Zeit. Neider erwĂ€hnt, ohne dies zu vertiefen, was fĂŒr ein reizvolles Unterfangen es wĂ€re, etwa die RelativitĂ€tstheorie Albert Einsteins, die Philosophie Martin Heideggers in âșSein und Zeitâč, das innere Zeitbewusstsein Edmund Husserls oder die Arbeiten Hartmut Rosas ĂŒber die Beschleunigung der Zeit, das VerhĂ€ltnis zur Zeit im Christentum oder im Buddhismus danebenzustellen.
Aber warum, so lĂ€sst sich fragen, beschĂ€ftigt sich Rudolf Steiner so fokussiert ĂŒber 35 Jahre mit der Leib-Seele-Problematik, wĂ€hrend die Zeitproblematik nur verstreut, scheinbar nebenher bearbeitet wird? Die Antwort kann nur darin liegen, dass die Zeitproblematik der Frage nach dem Zusammenhang von Leib und Seele immanent ist. Das hat mit den beiden schon erwĂ€hnten Zeitströmen zu tun, also Evolution und Devolution, was wiederum auf den Menschen verweist, den aufbauenden KrĂ€ften des Stoffwechsel-GliedmaĂen-Systems einerseits wie den abbauenden KrĂ€ften des NervenSinnes-Systems anderseits â und damit zu der eigentlichen Fragestellung des Buches fĂŒhrt: Worauf beruht, leiblich betrachtet, das seelische Erleben des Menschen, und auf Grundlage welcher leiblichen VorgĂ€nge wird folglich auch die Zeit seelisch erlebt? (S. 105)
Eine Antwort darauf entwickelt Neider in einem Kapitel, in dem »das Herz als Organ der Zeit« vorgestellt wird. Sensibel arbeitet er heraus, dass das Herz als Schicksalsorgan die Grundlage fĂŒr die Entwicklung des Ichs und damit der eigentlichen menschlichen Zeit bildet (S. 425). Aber nicht nur dem Herzorgan, auch der Atmung kommt in diesem Kontext eine kaum zu ĂŒberschĂ€tzende Bedeutung zu. Die Physiologie des »Geheimnisses, das da waltet zwischen Lunge und Herz«, ist fĂŒr das ZeitverstĂ€ndnis von Steiner von allererstem Rang â was sich gerade heute dank der zunehmenden Erforschung chronobiologischer ZusammenhĂ€nge bestĂ€tigen lĂ€sst. Damit wird aber auch klar, dass ein Bewusstsein der Zeit sich stets mit zeitlich-rhythmischen VorgĂ€ngen, d.h. dem Ătherischen, unbedingt zu befassen hat.
Stets sollte sich der Leser dieses Buches bewusst sein, dass Steiner das Thema »Zeit« praktisch nie explizit behandelt hat â was nicht ausschlieĂt, dass er â wenn es in den âșEinleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriftenâč um das VerhĂ€ltnis von Dauer und Entwicklung geht â dann doch klarstellt, dass es im Bereich der Dauer, also in dem Bereich, in dem das Geistig-Seelische des Menschen eigentlich lebt, keine Zeit gibt. Zeit tritt nur im Bereich des Physisch-Lebendigen, der Erscheinungen auf, sie hat mit dem Wesen einer Sache zu tun.
Wir mĂŒssen, so resĂŒmiert Neider, ein GespĂŒr dafĂŒr entwickeln, wie dringlich das Erwachen fĂŒr das Wesen der Zeit ist. Denn es geht dabei um das VerstĂ€ndnis der VorgĂ€nge des Werdens und Vergehens und mithin auch um das VerstĂ€ndnis von Geburt und Tod. An diesem Erwachen werden wir permanent gehindert, was Steiner als Zeichen dafĂŒr ansieht, dass unsere Zeit eine apokalyptische ist. Das ist heute, wie Neider feststellt, mehr denn je der Fall, denn »die Zeit und das Bewusstsein der Zeit stehen in der Gefahr, immer mehr von digital-technologischen Prozessen gesteuert zu werden«. Wie also kommen wir aus dieser mit dem Materialismus verbundenen Krise des Zeitbewusstseins heraus? Oder anders gefragt: Wie kann ein neues Zeitbewusstsein unter den Menschen der Gegenwart entstehen?
In Zeiten, in denen es scheinbar keine Utopien mehr gibt â wie es gerne von jenen, die selbst ratlos sind, behauptet wird â bietet dieses Buch eine FĂŒlle von weiterfĂŒhrenden Anregungen: Wie kann es gelingen, das Erwachen fĂŒr das Wesen der Zeit mit in die Suchbewegung zu nehmen, wenn es um ein Neudenken der Zukunft geht? So könnte dieses Buch sich noch als Epochenbuch herausstellen, also zum Korridor ins Neuland werden, um die nun anbrechende Zeit dann auch mit einem erwachten Bewusstsein der Zeit selbst gestalten zu können.
Quelle: Die Drei, Heft 5, 2017