Zusammen mit bekannten und unbekannten Archivalien und durch die grĂŒndliche Sichtung von Dokumenten zu seiner Schul- und Studienzeit können diese oft anekdotischen ErzĂ€hlungen symptomatisch das Bild seiner frĂŒhen Lebenszeit wesentlich erweitern und vertiefen. Jeder kleine Umstand aus diesen frĂŒhen Jahren, jeder Mensch im Lebensumkreis bildet gewissermaĂen eine schicksalhafte Rune, die wir im Hinblick auf seine weitere Entwicklung zum Geistesforscher lesen können. Eine derartige lebensnahe Begegnung mit Rudolf Steiner und Teilnahme an seinem in mancher Hinsicht urbildlichen Lebenslauf kann uns auch zu unserem eigenen Werdegang neu erwachen lassen.
Buchbesprechung
Quelle: _x0084_Anthroposophie weltweit_x0093_ Nr. 11/2017
Schweiz: Buch ĂŒber Kindheit und Jugend Rudolf Steiners von Martina Maria Sam
«VerstÀrkung der KrÀfte des geistigen Erfassens»
Seit seinem 150. Geburtstag sind vermehrt Biografien von Rudolf Steiner erschienen. Martina Maria Sams neue biografische Untersuchung konzentriert sich auf Kindheit und Jugend Rudolf Steiners, die bisher relativ wenig erschlossen sind und vielfĂ€ltige AufschlĂŒsse ĂŒber die Entwicklung des Geistesforschers geben.
Was kann es zu Rudolf Steiner noch Neues zu entdecken geben, mag man sich fragen. Martina Maria Sam hat bei ihren Studien zu den Kindheits- und Jugendjahren Rudolf Steiners 1861 bis 1884 manches finden, aufklĂ€ren und ZusammenhĂ€nge aufzeigen können. Doch dies sind NebenertrĂ€ge ihrer Forschungsarbeit. Wichtiger fĂŒr sie ist die innere Entwicklungslinie im Leben eines Menschheits-lehrers wie Rudolf Steiner, die Frage nach der Bedeutung einzelner Erlebnisse fĂŒr das spĂ€tere Wirken. Die SchicksalsfĂŒhrung «wird insbesondere in der Kindheit und Jugendzeit deutlich, wo der Mensch sein Schicksal ja noch nicht selbst bewusst gestalten kann», schreibt die Autorin in der Einleitung ihres neuen Buches und zitiert in diesem Zusammenhang Rudolf Steiner selbst: «Alles das ist von symptomatischer Bedeutung.» (GA 185, Vortrag vom 1. November 1918)
Sachkenntnisse und kombinatorisches Geschick
Ein Beispiel: Rudolf Steiner sprach um die Jahrhundertwende 1911/12 wiederholt von einem SchĂŒlerselbstmord, um geistige Sachverhalte zu verdeutlichen. Martina Maria Sams Eindruck: «Diesen erlebte Rudolf Steiner in seinem unmittelbaren Lebensumkreis.» Um dieser Hypothese nachzugehen, verband Martina Maria Sam Sachkenntnisse mit kombinatorischem Geschick. Dabei kam ihr zugute, dass sie aus ihrer Zeit beim Rudolf-Steiner-Archiv mit den Archivalien _x0096_ vor allem Rudolf Steiners Bibliothek _x0096_ vertraut ist und als Autorin von Monografien zu anthropo-sophischen Themen viele Sachverhalte und ZusammenhĂ€nge gut kennt.
Die Wiener NeustĂ€dter Realschule, die Rudolf Steiner besuchte, gab jĂ€hrlich Berichte mit dem Aufsatz eines Lehrers und Schulnachrichten heraus. Im Jahresbericht 1879 ist vermerkt, dass im letzten Jahr drei SchĂŒlerverluste durch Tod zu beklagen seien. Zwei waren durch Krankheiten gestorben; beim dritten stand nur, dass «der SchĂŒler [_x0085_] knapp am Ziele seines Strebens» verschied. «Könnte es sich hierbei um diesen SchĂŒlerselbstmord handeln?», fragte sich Martina Maria Sam. TatsĂ€chlich be-stĂ€tigte sich dies: So Ă€uĂerte sich Rudolf Steiner in der Schulkonferenz vom 23. Juni 1920 (GA 300a), dass sich an seiner Schule der «Sohn des Schuldieners», nachdem er von einem jĂ€hzornigen Lehrer geschlagen worden war, mit Zyankali vergiftete. Durch Online-Recherche fand sich dann eine Meldung in einer österreichischen Zeitung, in der dieser Fall detailliert beschrieben wurde. Dadurch klĂ€rte sich auch ein Fehler in der Ausschrift des Stenogramms dieser Konferenz: Aus «der nahm den Laffen und haute ihm eine herunter» wird in der Neuausgabe der Konferenzen «der nahm den Lappen und haute ihm eine herunter».
«Durch den umfassenden Ăberblick ĂŒber die vorhandenen Dokumente und Studien, der uns heute möglich ist, sowie durch die Möglichkeiten der Online-Recherche lassen sich neue ZusammenhĂ€nge erschlieĂen», fasst Martina Maria Sam zusammen. DafĂŒr brauche es eine innere Fragehaltung. «Ich erlebe», erzĂ€hlt sie, «dass die Sachverhalte sich dann in der Regel zeigen wollen.»
Erleichterter Zugriff auf Quellen
Martina Maria Sam hat fĂŒr ihr Buch möglichst umfassend Details aus Rudolf Steiners Kindheit und Jugend ermittelt und dokumentiert. Beispielsweise stellt sie seine wichtigsten Lehrer und alle von ihm erwĂ€hnten Studienfreunde mit einem eigenen Kapitel vor. Dabei fiel ihr auf, dass Rudolf Steiner in einem Artikel ĂŒber den Jugendfreund Rudolf Ronsperger (_x008b_Ein Denkmal_x009b_, GA 31) erwĂ€hnt, dass er dessen Nachlass von der Schwester erhielt, die die «Frau eines angesehenen in Berlin lebenden Schriftstellers» sei. Martina Maria Sam versuchte, herauszufinden, wer dieser «angesehene Schriftsteller» sei _x0096_ und stieĂ auf den Philosophen und Politiker Karl Kautsky. Sollte sich nicht im Nachlass von Luise und Karl Kautsky etwas ĂŒber den Bruder finden? TatsĂ€chlich war dort nicht nur ein Foto von Rudolf Ronsperger vorhanden, sondern auch ein Brief an seine Tante, den er unmittelbar vor seinem Selbstmord 1890 geschrieben hatte.
Beim Zusammenstellen aller verfĂŒg-baren Unterlagen aus der Schul- und Stu-dienzeit _x0096_ Martina Maria Sam rekonstruierte sogar die Semester-StundenplĂ€ne aus der Studienzeit _x0096_ fiel ihr auf, dass Rudolf Steiner in der fĂŒnften Realschulklasse ĂŒber den griechischen Spruch «KĂŒhnheit, wenn sie sich eint mit der Weisheit» einen Aufsatz schreiben musste. Diesen Spruch gab er spĂ€ter _x0096_ durch Elise Wolfram rhythmisch umgedichtet _x0096_ den ersten Euryth-mistinnen: «Erst wenn Weisheit mit KĂŒhnheit sich paart _x0085_»
An noch anderen Beispielen zeigt sich, wie das Zusammenstellen von scheinbar unwichtigen Details zu neuen Einsichten fĂŒhren kann. Man wĂŒrde den Ansatz der Autorin aber missverstehen, wenn man meinte, sie wolle alle Motive auf Ă€uĂere Ereignisse zurĂŒckfĂŒhren und damit das Werk und die Forschung Rudolf Steiners naturalistisch-materialistisch deuten.
Die Rolle der Erinnerung
Ihr Ansatz ist vielmehr, biografische Erlebnisse aus Kindheit und Jugend mit Blick auf die Entwicklung der Anthroposophie anzusehen. «Die eigene Biografie, die eigenen Erlebnisse», so Martina Maria Sam, «bilden das wichtigste Material der Geis-tesforschung.» Jede Begegnung, jedes Erlebnis kann _x0096_ wenn auch oft erst im RĂŒckblick _x0096_ Ausgangspunkt fĂŒr eine geistige Erkenntnis werden.
Rudolf Steiner erzĂ€hlt beispielsweise am 25. November 1923, wie es fĂŒr ihn «von einer ungeheuren Bedeutung» gewesen sei, «mich in eine solche Situation der Jugend hineinzuversetzen, als ich eine VerstĂ€rkung der KrĂ€fte des geistigen Erfassens brauchte» (GA 232, Vortrag vom 25. November 1923). Diese Situation war die «tiefe Scham», die er erlebte, nachdem er als SchĂŒler versehentlich ein neues, von den Eltern teuer gekauftes Schulbuch durch ein umgekipptes Tintenfass verdorben hatte.
Damit wird die Bedeutung der Erinnerung deutlich. Diese liegt ja als unbewusst abgelegter Ertrag des vorangegangenen Lebens im gegenwĂ€rtigen Willen; sie hat zudem groĂe Bedeutung fĂŒr die Gemeinschaftsbildung (_x008b_Anthroposophie weltweit_x009b_ Nr. 10/2017, Seite 1) und eben fĂŒr die eigenen «KrĂ€fte des geistigen Erfassens». SchlieĂlich können sie, in rechter Weise aufgefasst, zu einem «Lebensquell» werden, wie Mar-tina Maria Sam die Worte Rudolf Steiners versteht: «Wir nĂ€hern uns immer mehr der Zeit, in der die Menschen wĂ€hrend ihres ganzen Lebens immer mehr und mehr Er-innerungen an ihre Jugendzeit brauchen werden, Erinnerungen, die sie gerne haben, Erinnerungen, die sie glĂŒcklich machen.» (GA 177, Vortrag vom 20. Oktober 1917)
Pilotprojekt Tageschronik fĂŒr 1916
1992 hatte Hella Wiesberger, eine Herausgeberin der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, zu Martina Maria Sam gesagt: Um sich dem Wesen und der Bedeutung Rudolf Steiners weiter anzunĂ€hern, wĂ€re es nötig, den Versuch von Christoph Lindenbergs Chronik weiterzufĂŒhren. «Das ist die Aufgabe Ihrer Generation.»
Diese Anregung verfolgt Martina Maria Sam in einem weiteren Aspekt des Biografieprojekts. Exemplarisch zunĂ€chst fĂŒr das Jahr 1916 _x0096_ die Zeit des dritten Mondknotens Rudolf Steiners und ein wichtiges Jahr fĂŒr die Vorbereitung der erstmaligen Darstellung des Dreigliederungsgedankens _x0096_ stellt sie Tag fĂŒr Tag alle Ereignisse im Leben Rudolf Steiners zusammen: VortrĂ€ge, AuffĂŒhrungen, Begegnungen, Buchhandlungsrechnungen, Briefe, Notizbuchein-tragungen und weitere Spuren seines Lebens sowie zeitgeschichtliche Ereignisse.?|?Sebastian JĂŒngel
Martina Maria Sam: Rudolf Steiner. Kindheit und Jugend. 1861?_x0096_?1884. «Alles das ist von symptomatischer Bedeutung», Verlag am Goetheanum. Erscheint voraussichtlich Dezember 2017.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Sebastian JĂŒngel und Martina Maria Sam.