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Hans-Christian Zehnter

Lichtmess: Essay zum Wesen des Lichtes

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Will man dem Wesen des Lichtes auf die Spur kommen, so muss es Licht sein. Dieser subjektbezogene Ansatz zur Erforschung des Lichtes wird begrĂŒndet und in seinen Konsequenzen sowohl fĂŒr das eigene als auch das kulturelle SelbstverstĂ€ndnis verfolgt. Eine neue Weltsicht, die paradigmatischen Charakter trĂ€gt: Licht nĂ€hert sich in Einklang mit dem modernen Bewusstsein wieder einer Gotteserfahrung.

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Rezension

Hans Christians Zehnters Essay â€șLichtmessâ€č ist aus langjĂ€hriger BeschĂ€ftigung mit dem Thema Licht hervorgegangen. Sein Zugang ist ein spezieller, denn Zehnter, von Haus aus Biologe, legt hier eine geisteswissenschaftliche Art der Gedankenbildung zugrunde, welche die gĂ€ngige Definition des Lichtes als der »fĂŒr das menschliche Auge sichtbare Teil der elektromagnetischen Strahlung« vollstĂ€ndig widerlegt.

Interessant ist schon die Aufteilung: Bevor der eigentliche Beginn erfolgt, werden dem Buch zwei Lesemotivationen vorangestellt, ihnen folgen eine ausfĂŒhrliche Einleitung ĂŒber Zehnters persönliche Motivationen in Bezug auf Inhalt, Methode und Form, ein â€șExkurs zu Konstituierung der Wirklichkeitâ€č (auf den im Folgenden immer wieder Bezug genommen wird) und zwei â€șRandbemerkungenâ€č. Und so sind wir bereits auf Seite 59, wo die Frage nach dem Sehen das Thema endgĂŒltig eröffnet.

Exkurse und Randbemerkungen durchziehen die Schrift weiterhin und bieten sehr spezielle Blicklenkungen, wenn man sich durch die Vielfalt der stilistischen Mittel in Schrift, Satz und Struktur des Textes nicht irritieren lÀsst.

Denn Zehnters Gedankenbildung verlangt dem Leser einiges ab: Jeder Begriff wird vielfach untersucht, daraus wird schließlich eine Aussage gebildet – die sogleich weiter untersucht, hinterfragt, mit Randbemerkungen versehen und ausgefĂŒhrt wird. Dass das Thema »Licht« auf vielen Ebenen durchgespielt wird, ist sicherlich erwartbar. Es wird aber auch sehr viel Grundlegendes neu entwickelt, sodass sich an manchen Stellen leichte ErmĂŒdungserscheinungen beim Lesen einstellen können – wenn man sich zum Beispiel durch den ganzen ersten Teil der BegriffserlĂ€uterungen hindurchgearbeitet hat und das Kapitel ĂŒber die â€șPhĂ€nomenologie von Licht und Schattenâ€č dann erneut mit einem Vorab-Glossar beginnt, in dem weitere Begriffe ausfĂŒhrlich und komplex entwickelt werden. Zehnter treibt hier ein Prinzip des Essays auf die Spitze, indem er in einem grĂ¶ĂŸeren Gedankengang laufend neue Begriffe einfĂŒhrt und erlĂ€utert, was das Nachvollziehen der Hauptgedanken manchmal erschwert. Dabei stĂŒtzt er sich in vielen Teilen wiederum auf Begrifflichkeiten, die in Rudolf Steiners naturwissenschaftlichen Schriften und VortrĂ€gen entwickelt werden oder auch von anderen Denkern stammen, vor allem von dem 2016 verstorbenen anthroposophischen Physiker Georg Maier, der in der 1970er Jahren eine »Optik des Sehens« entwickelte und dem der Essay gewidmet ist. Wem diese Begrifflichkeiten nicht gelĂ€ufig sind, der wird vielleicht manches in den im Anhang angefĂŒhrten Werken nachlesen mĂŒssen, um alle angestellten Überlegungen und Ideenfolgen schlĂŒssig nachvollziehen zu können.

Licht ist fĂŒr Zehnter ein PhĂ€nomen des Sehens. Er wehrt sich gegen eine Auffassung von Licht, die den Betrachter außen vor lĂ€sst. Ohne ein »zeugendes Bewusstsein« gibt es nicht diesen speziellen Zusammenklang von »Helligkeit, Leuchten und Bewusstsein«, der das »Erlebnis Licht« ausmacht. Gleich zu Beginn wird auf die Doppelnatur des Lichts verwiesen, das einerseits Sinneserfahrung und andererseits ein darĂŒber hinausfĂŒhrendes ĂŒbersinnliches Erlebnis ist. Zehnter beschreibt ausfĂŒhrlich Nachtlicht und Taglicht, auf der Erde wie am Himmel, er beschĂ€ftigt sich mit Schatten, Leuchten und Sonnenlicht, eigenhellen und mithellen Körpern, der Geburt des Tages und dem Sternenhimmel. Das sichtbare Licht wird in Selbstleuchtendes,Mitleuchtendes und Aufleuchtendes eingeteilt. So wird es, als eine Mischung aus Geistigem, Seelischem und Stofflichem, zum Zeugen seiner selbst wie der von ihm beleuchteten Welt. Spannend ist die gedankliche Entwicklung vom »Durchtrittsort« Lichtquelle, durch die etwas Unsichtbares – eben »Licht« – ins Diesseits tritt und Irdisches aufleuchten lĂ€sst. Erlischt die Lichtquelle – als Beispiel wird eine Kerze angefĂŒhrt – dann zieht sich dieses »Etwas“ wieder ins Unsichtbare zurĂŒck. Es gibt also folgerichtig ein anwesendes unsichtbares Licht und ein nicht-anwesendes unsichtbares Licht – beides hat als »reines Licht« geistige QualitĂ€t. Im spĂ€teren Kapitel ĂŒber den Augenblick wird auch der Blick des Menschen, sein inneres Leuchten, als seelisch-geistiger »Durchtrittsort« aufgefasst und in sehr stringenter Weise mit dem Erleben der Zeit und dem Zeitbegriff an sich verknĂŒpft – ein Höhepunkt des Buches.

Wunderschön liest sich Zehnters Beschreibung der verschiedenen Phasen und EindrĂŒcke, die im Übergang von der Nacht zum Tag auftauchen – man möchte gleich auch zu nĂ€chtlicher Stunde aufzustehen, um den Zauber des werdenden Tages selbst zu erleben.

Einige interessante AusfĂŒhrungen zur Geistesgeschichte des Lichtes schließen sich an. Die Beziehung der menschlichen Sinnesorganisation zum Licht wird angeschnitten, allerdings nicht differenziert ausgefĂŒhrt, dafĂŒr finden sich viele Hinweise zum Weiterlesen und Selbstentdecken. In seiner pauschalen Abrechnung mit der Quantenphysik, der ElektrizitĂ€t und ĂŒberhaupt den modernen Naturwissenschaften macht es sich Zehnter meines Erachtens etwas leicht, da hĂ€tte ich mir mehr Tiefe und Genauigkeit in der Auseinandersetzung gewĂŒnscht. Dadurch kann man seine AusfĂŒhrungen ĂŒber die PhĂ€nomene elektrischen Lichts leicht als restaurativ (miss)verstehen, auch wenn Zehnter hier sehr kluge Gedanken ĂŒber die Gegensonnenwelt der selbstleuchtenden Bildschirme anschließt.

In den abschließenden Kapiteln versammelt Zehnter – neben einem ausfĂŒhrlichen RĂŒckblick auf seinen methodischen Ansatz, den er in Anlehnung an Goethe als einen synthetischen versteht – seine Ideen noch einmal und bĂŒndelt sie in einer mehrfachen Dreigliederung des Lichts, in der Umkreis, Sehen und Auge ins VerhĂ€ltnis gesetzt werden. Und auch wenn dieser Essay einige Durchhaltekraft beim Lesen fordert – als eigenwilliger und ideenreicher Beitrag zum Wesen des Lichtes bieten Zehnters AusfĂŒhrungen jede Menge DenkanstĂ¶ĂŸe.

Erscheinungsdatum: 30.01.2017 
Seiten: 196
Einbandart: Paperback
ISBN: 9783037521014

Lieferbarkeit: Lieferbar

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