Was gibt es noch zu sagen zum 100. Todestag Rudolf Steiners? Wohin kann sich der Blick richten, rĂŒckwĂ€rts historisierend, selbstzufrieden kritisch, ja blasphemisch oder hagiographisch verklĂ€rend? Andreas Laudert geht in seinem Buch ĂŒber Steiner in sich, steht mit dem Standbein in der Gegenwart und erkundet mit dem Spielbein Vergangenheit und Zukunft. Als Schriftsteller und Dichter genĂŒgen ihm die historischen Aspekte nicht, langweilt ihn das Alt-Bekannte sowohl der Kritik als auch der Verehrung.
Er fasst sich ein Herz und nimmt sich des Themas persönlich an. Was bleibt von Steiners Werk und Biographie, das immer noch zukĂŒnftiges, unausgeschöpftes Potential hat? Diese schöpferische Dimension des Menschen Rudolf Steiner und seines Werkes interessiert ihn, alles andere kann heute bereits Chatgpt formulieren und wiederholen. So entsteht ein Text, der im Prozesshaften bleibt und den Kern von Steiners Werk spiegelt, das Unabgeschlossene, stĂ€ndig sich Erneuernde und Erweiternde, manchmal auch scheinbar WidersprĂŒchliche. Ein inneres GesprĂ€ch.
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Zeitenwende ist ein eigentĂŒmliches, vielschichtiges Wort. Denn wer wendet die Zeiten? Macht die Zeit es selbst? Hat sie ein Selbst? Steiner sprach nun in VortrĂ€gen hĂ€ufiger vom «Zeitgeist». Ist der Mensch, der sich mit dem Zeitgeist verbindet, bei den Wendungen zum Guten der entscheidende Faktor? In diesem Zusammenhang nahm Steiner vermehrt Bezug auf mittelalterliche Hierarchien- und Engellehren und die Namen, die solchen uns zeitweise leitenden kosmischen Wesen dort gegeben werden. Vor allem dem «Erzengel Michael» oder der QualitĂ€t des «Michaelischen» wird der erstaunte Leser in Steiners Gesamtwerk immer wieder begegnen. Mit ihm wird traditionell das Attribut der Waage assoziiert. Das AbwĂ€gen, die Scheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem bei der Urteilsbildung, die mutige Unbestechlichkeit sind weitere Motive. Der Mut, zu sich selbst zu stehen, auch wenn alle Welt einen zu Schritten zwingen will, die, wĂŒrde man sie mitmachen, Kettenreaktionen der Unwahrhaftigkeit auslösen wĂŒrden.
Es braucht Mut, ausgleichend zu wirken. Verantwortung zu ĂŒbernehmen fĂŒr eine eigene freie Entscheidung, und diese erst dann zu treffen, wenn sie gereift ist. FĂŒr Steiner löst der Zeitgeist des Michaelischen den Menschen auch aus den Fesseln der lĂ€hmenden Erwartungen an Institutionen. Parolen wie «Wir sind das Volk!» oder, in jĂŒngster Zeit, «Wir sind jetzt Verfassungsschutz», vor dem Hintergrund von demokratiegefĂ€hrdendem Extremismus, mögen diesen Umschwung in den Seelen andeuten, wenn auch die Regierenden aus Eigeninteresse gern auf diesen Zug aufspringen oder ihn gar selbst aufs Gleis gesetzt haben: Jeder ĂŒbernimmt Verantwortung fĂŒr das Ganze, weil das Ganze im Einzelnen lebt. Weil auch ich ausgegrenzt werde, wenn mein NĂ€chster ausgegrenzt wird
Leseprobe
Envoi
Dass die Anthroposophie das eigene Leben völlig verwandeln kann, mag nachvollziehbar sein. Dass sie es in Wahrheit zerstört, klingt hingegen pathetisch oder absurd. Und doch ist es so. «Zerstörung» ist eine notwendige Energie; sie setzt etwas frei. Der junge Rudolf Steiner wĂŒnschte sich 10 sogar in einem Fragebogen einen Beruf, bei dem man «vor Energie zugrundgehen» könne. Doch dass das Neue, das aus ZĂ€suren und Krisen erwĂ€chst, nicht sofort sichtbar ist, kann auch verunsichern.
Franz Kafka sprach hinsichtlich seines Schreibens und seiner Existenz im Angesicht des Sterbens resignativ von etwas einerseits Halbzerstörtem, andererseits Halbfertigem, woraus er sich nun neu aufbauen mĂŒsse. Ohne Hoffnung auf ein Weiter,
Das vorliegende Buch ist nicht von jemandem verfasst, der sich bereits so tief in Steiners Werk hineingearbeitet hĂ€tte, dass er gleichsam vollkommen vergeistigt, ja «blind» daraus lebte. Vielmehr befinde und begreife ich mich in einem GesprĂ€ch mit ihm. Irgendwie einem nachgeholten GesprĂ€ch, irgendwie einem stĂ€ndig aktuellen, oft auch nur punktuellen, anlassbezogenen â das mir wesentlich geworden ist, gerade in Bezug auf den Tod.
Aus diesem Prozess sind in den vergangenen Jahren Essays und Publikationen hervorgegangen, deren Bedeutung oft gar nicht im eigentlichen Text, im Geschriebenen lag, sondern in dem, was daraufhin auf der biografischen Ebene geschah. Der Auftrag fĂŒr das vorliegende Buch â ursprĂŒnglich erteilt vom Rudolf Steiner Verlag â wieder also ein fliegender Wechsel Richtung Zukunft â erscheint als Summe oder Schlusspunkt, von dem aus alles Geschaffene und alle frĂŒheren BemĂŒhungen in den Umkreis entlassen werden können.