Die vielfĂ€ltigen Aussagen Rudolf Steiners erlauben tiefe Einblicke in den Zusammenhang des Menschen mit Jesus von Nazareth und der nathanischen Seele, der âMutterseele der Menschheitâ. Doch erst in der Zusammenschau entsteht ein Gesamtbild, das die ganze GröĂe und Bedeutung dieser Geheimnisse fĂŒr die Menschheit und den Menschen der Gegenwart sichtbar werden lĂ€sst.
Dieses Buch erschlieĂt die Gedanken, wie der Blick in die Kristallkugel, die Leonardo da Vinci in dem ihm zugeschriebenen GemĂ€lde Salvator Mundi (um 1500) in die linke Hand des Erlösers der Welt gemalt hat. Der Blick ins Innere macht das Verborgene sichtbar, die KrĂ€fte der Verwandlung der Erde durch den Menschen. Sich mit Jesus von Nazareth und dem Geheimnis der nathanischen Seele zu beschĂ€ftigen, bedeutet, sich den tiefsten UrgrĂŒnden und dem wahren Wesen der Seele und ihrem höchsten Ziel zu nĂ€hern.
Rezension
Frank Linde: Jesus von Nazareth und das Geheimnis der nathanischen Seele
In diesem Buch wird dieses Besondere deutlich: wie sehr das Tiefste jeder einzelnen menschlichen Seele mit der âSchwesterseeleâ des Adam, der in der geistigen Welt von Anbeginn verbliebenen und in alle Zukunft mit der Menschheit wirkenden, besteht; mit der «Mutterseele der Menschheit», wie Rudolf Steiner sie auch nennt. Und wie Zarathustra, âdie fortgeschrittenste ErdeninidividualitĂ€tâ ein stetiger Begleiter und Helfer in den Menschheitswegen ist.
Frank Linde hat sich die Aufgabe gestellt, ein Gesamtbild des im Titel wiedergegebenen Themenkreises zu geben und zwar nicht nur als kommentierte Zitatsammlung, sondern BezĂŒge sichtbar zu machen, die sich sonst kaum erschliessen. Im Gang durch das Buch erfahren wir, wie er mit grosser Umsicht und Sorgfalt Inhalte zusammenstellt, befragt und sprechen lĂ€sst, sich nicht in den vielfĂ€ltig möglichen Interpretationen verliert. Damit ist viel gesagt â sein Forschen folgt hier nicht den blossen Eigenintentionen des Persönlichen. Andererseits erfahren wir aber auch seinen Mut eine Entdeckung mitzuteilen, die sich auf den opfervollen geistigen Erstickungstod des Christus-TrĂ€ger-Engels bezieht. Dieser wurde von Rudolf Steiner, soweit bekannt, nicht namentlich benannt. Hier findet Frank Linde nun einen entscheidenden und tief-erhellenden Zusammenhang â den er mit aller Vorsicht, Umsicht und unter fortwĂ€hrender, nachvollziehbarer AbwĂ€gung ausspricht.
Bei aller wissenschaftlich geschulten Genauigkeit und der exakten Zitierweise ist dieses Buch dennoch ganz bewusst in einem erzĂ€hlenden Ton geschrieben, der einen tragenden Lesefluss ermöglicht, wodurch es sich jedem an dem Thema Interessierten unmittelbar zu erschliessen vermag. Es ist in diesem Sinne voraussetzungslos, wenn man die einfachsten Grundlagen der Anthroposophie kennt. Auf jeden Fall eine Einladung zur Vertiefung in der dunklen Jahreszeit und den Tagen um Weihnachten. Die Vertiefung wird weiter gefördert durch eine Themengruppierung, die sich aus einer weitgespannten Ăberschau ergeben hat: der Leser braucht Zusammengehörendes nicht selber suchen und hat es zudem auf- bereitet vorliegen. Das Buch bekommt dadurch bei der Schwere, der KomplexitĂ€t und dem Gewicht des Themas eine Leichtigkeit: man bleibt nicht in Details stecken, der Schwerpunkt, der dem Buch den Titel gegeben hat, bleibt immer leitend vorhanden. Ich bin sehr dankbar fĂŒr diese konsequent bei der Sache bleibenden und tief in dieser selbst wurzelnden Darstellungsweise.
Damit ist aber Wesentlichstes noch nicht gesagt: Frank Linde verwebt förmlich in einem lebendigen und warm in die ZusammenhĂ€nge eintauchenden Strom die Einzelheiten um die nathanische Seele. Er versteht es,durch knapp und gezielt eingestreute Wiederholungen den Faden der Ăberschau fĂŒr den Leser stetig zu erhalten.
Die vielschichtigen Verflechtungen der Wesens- und Inkarnationsbeziehungen der âMutterseele der Menschheitâ, der âSchwesterseele des Adamâ Jesus und des Zarathustra Jesus werden fein auseinandergehalten und wieder verbunden, in ihrer spezifischen Bedeutung verfolgt und gezeigt wie sie schlussendlich in Beziehung zum Christus und zum Menschen stehen â und dies bis hinein in die Gegenwart!
Frank Linde ist eine Gesamtschau gelungen, aus der die einzelnen, weitverstreuten Teile dieses grossen Themas neues Licht erhalten â Erkenntnislicht, getaucht in die Innigkeit eines in der Sache tief aufgehenden Miterlebens.
Roland TĂŒscher
Erschienen in Ein Nachrichtenblatt Nr. 24, 08.12.2024