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Peter Selg

Die Leiden der nathanischen Seele

Anthroposophische Christologie am Vorabend des Ersten Weltkriegs

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Die Studie von Peter Selg schildert - anlĂ€sslich des 100. Jahrestages des Ersten Weltkrieg-Beginns - die Entfaltung zentraler Motive des "FĂŒnften Evangeliums", der nathanischen Seele und der Christus-Opfer in Rudolf Steiners Vortragswerk in der unmittelbaren Vorkriegszeit.

von Peter Selg

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Am 1. Juni 1914 sprach Rudolf Steiner in Basel zum letzten Mal vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und zum letzten Mal in seinem gesamten Vortrags- und Schriftwerk - ĂŒber die nathanische Seele und ihre Beziehung zum Mysterium von Golgatha. Der interne Zweigvortrag beendete eine Reihe von tiefgehenden christologischen Betrachtungen, die am 20. September 1913 bei der Grundsteinlegung des Johannesbaus im benachbarten Dornach begonnen worden waren, und mĂŒndete vier Wochen vor dem Attentat in Sarajevo in das Motiv der «Selbstlosigkeit», dessen Zukunftsbedeutung Rudolf Steiner mit großem, ja unĂŒberhörbarem Nachdruck betonte.

Die Studie von Peter Selg schildert anlĂ€sslich des 100. Jahrestages des Ersten Weltkrieg-Beginns die Entfaltung zentraler Motive des «FĂŒnften Evangeliums», der nathanischen Seele und der Christus-Opfer in Rudolf Steiners Vortragswerk in der unmittelbaren Vorkriegszeit.


Rezension

Das Vortragswerk Rudolf Steiners ist so umfangreich, dass es schon seit lĂ€ngerer Zeit unternommen wird, verschiedene VortrĂ€ge, die nicht zu einem Zyklus gehören, unter einem bestimmten Gesichtspunkt zusammenzustellen, herauszugeben und/oder zu kommentieren. Ein Begriff, der vor allem außerhalb der Anthroposophie mit den denkbar grĂ¶ĂŸten MissverstĂ€ndnissen (und infolgedessen auch mit Misstrauen) behaftet ist, ist der des »FĂŒnften Evangeliums«. Diese MissverstĂ€ndnisse treten uns in verschiedenen Spielarten entgegen. Exemplarisch mag eine persönliche Begebenheit hier am Platze sein: Vor Jahren wurde mir anlĂ€sslich eines Antrittsbesuches bei einer evangelischen Pfarrerin mit Blick auf meine TĂ€tigkeit als Pfarrer in der Christengemeinschaft, die von jener Kollegin vollkommen mit der Anthroposophie identifiziert wurde, gleich als GesprĂ€chseröffnung vorgehalten: Wir hĂ€tten doch das sechste Buch Moses 
 Und irgendwie kam sie dann auf den eigentlichen Stein des Anstoßes, das FĂŒnfte Evangelium!

»FĂŒnftes Evangelium« – das ist zunĂ€chst nur eine Vokabel. Was hat es inhaltlich damit auf sich? Ein weiteres Evangelium von der Art derjenigen, die im ersten Jahrhundert verfasst worden sind und die Taten Jesu Christi, jedes auf seine spezifische Art, bezeugen wollen? Und nun eben lediglich noch ein paar Tatsachen mehr geschildert, z.B. die Jahre zwischen der Geburt und der Jordantaufe, von denen die vier kanonischen Evangelien weitgehend schweigen? Damit wir noch ein wenig mehr erfahren können? Nun, dieser Meinung kann man der Tat auch innerhalb der anthroposophischen Bewegung noch immer begegnen, wovon sich jeder ĂŒberzeugen kann, der einmal darauf achtet, wie im Umkreis von Zweigabenden hĂ€ufig etwa in der Weise davon gesprochen wird: »Wir lesen gerade im FĂŒnften Evangelium!«

Was das FĂŒnfte Evangelium seinem Wesen nach ist, nĂ€mlich etwas derjenigen Offenbarung, die einst von Osten nach Westen strömte, Entgegengesetztes bzw. diese ErgĂ€nzendes, charakterisierte Rudolf Steiner bei der Ansprache zur Grundsteinlegung des Goetheanums am 20. September 1913: »FĂŒhlet 
 wie in dem unbestimmten Sehnen und Hoffen der Menschheit nach dem Geiste der Schrei hörbar ist nach der Antwort, 
 die gegeben werden kann da, wo Geisteswissenschaft walten kann mit ihrem Evangelium der Kunde von dem Geiste.« (Hervorhebungen vom Autor) Einem anderen Aspekt der Sache kann sich nĂ€hern, wer an das untere Bild in der Mitte des berĂŒhmten Genter FlĂŒgelaltars von Jan van Eyck aus dem 15. Jahrhundert denkt, »Verehrung des Lammes Gottes«: Auf einer Erhöhung steht das blutende Lamm, welches Christus als das Opfer-Wesen der Welt zeigt; von vier Seiten nĂ€hern sich Menschenströme, um diesem mystischen Wesen ihre Verehrung zu erweisen. Die Vierheit der Strömungen kommt zu dem fĂŒnften Tier, in dem sie etwas vollkommen Neues erkennt. Darauf deutete Rudolf Steiner in einem Vortrag am 16. September 1907 hin: »Dann aber gibt es und wird es geben, solange die Erde sein wird, eine Gruppenseele fĂŒr die höhere Offenbarung des Menschen, die durch das Lamm dargestellt wird, durch das mystische Lamm, das Zeichen fĂŒr den Erlöser. Diese Gruppierung der fĂŒnf Gruppenseelen: die vier des Menschen um die große Gruppenseele, die noch allen Menschen gemeinschaftlich gehört  «

So können wir das BemĂŒhen um eine zeitgemĂ€ĂŸe Christus-Erkenntnis und um eine Haltung des Opfermuts bzw. der Selbstlosigkeit als Substanz des FĂŒnften Evangeliums betrachten. Wie diese beiden zunĂ€chst scheinbar ganz unterschiedlichen Menschheitsziele – sozusagen als gelebtes FĂŒnftes Evangelium – zusammenhĂ€ngen, zeigt Peter Selg in seinem im letzten Jahr erschienenen Buch Die Leiden der nathanischen Seele anhand der christologischen VortrĂ€ge Steiners am Vorabend des Ersten Weltkrieges, genauer: zwischen dem oben erwĂ€hnten 20. September 1913 und dem 1. Juni 1914. Seinen eigenen AusfĂŒhrungen vorangestellt ist der Vortrag Steiners von eben jenem 1. Juni 1914, in welchem er drei Opfer des Christus beschrieb, die dieser vor der Opfertat auf Golgatha vollbrachte – und damit die menschliche Konstitution als Sinnes- und als Lebewesen sowie in Bezug auf die Harmonie der Wesensglieder Denken, FĂŒhlen und Wollen vor einem Abfall in den Egoismus bewahrte. – In seiner eigenen ca. 50-seitigen Darstellung erkennt Selg die Selbstlosigkeit als das zentrale Motiv sĂ€mtlicher christologisch-menschenkundlicher VortrĂ€ge, die Steiner in diesen neun Monaten gehalten hat und die hauptsĂ€chlich in den BĂ€nden Aus der Akasha-Forschung. Das FĂŒnfte Evangelium (GA 148), Christus und die geistige Welt. Von der Suche nach dem heiligen Gral (GA 149) sowie Vorstufen zum Mysterium von Golgatha (GA 152) abgedruckt sind, und mit denen das VerstĂ€ndnis dessen, »was wirklich in den drei Jahren von der Taufe bis Golgatha geschah« (S. 48) mehr und mehr ausgeweitet wurde. FĂŒr ein VerstĂ€ndnis des Christusweges nach Jerusalem zum Opfertod ist die Beschreibung zweier Jesus-Knaben eine unschĂ€tzbare Hilfe. Steiner hatte diese Anschauung seit 1909 entfaltet. Dem Schicksal der nathanischen Seele, welche in dem Jesus, von dem das Lukasevangelium berichtet, zum ersten Mal ĂŒberhaupt auf der Erde verkörpert war, ist Selg in seiner Zusammenschau der Steinerschen VortrĂ€ge besonders nachgegangen. Seine Forschungen ergeben einen engen Zusammenhang dieser Seele mit dem Wesen – von Steiner 1914 vorsichtig als »erzengelartig« bezeichnet –, das in den drei Opfertaten vor der Inkarnation zur Zeitenwende mit dem Christus verbunden war. Auch mit diesen vorbereitenden Taten wurde leiblich schon das gepflanzt, was sich in der Auseinandersetzung mit den entgegenwirkenden KrĂ€ften bilden soll. Ob die so veranlagten KrĂ€fte sich zu einer »Kultur der Selbstlosigkeit« entfalten können, hĂ€ngt davon ab, ob die Opfertat Christi mehr und mehr in all ihren Ausmaßen vom Denken ergriffen und somit in das bewusste Leben einziehen kann.

Steiner hat nach dem 1. Juni 1914 nicht mehr ĂŒber die nathanische Seele und ihren Zusammenhang mit den Taten Christi gesprochen. Bald nach diesem Vortrag ĂŒberschlugen sich die politischen Ereignisse, mĂŒndend in die Juli-Krise und schließlich den Kriegsausbruch. Seit Monaten werden die Auswirkungen und Schatten der »Urkatastrophe« beschworen, die damals begonnen hat. Mit dem eindringlichen Hinweis auf die anthroposophische Christologie in den Monaten vor diesem Beginn setzt Selg den Schatten etwas entgegen: Auch das ErkenntnisbemĂŒhen, das damals in so großartiger Weise impulsiert wurde, ist bis heute wirksam. Die Darstellung Selgs ist ohne Frage dazu angetan, jedem, der sich auf diese Themen einlassen will, eine große Hilfe zu sein, damit das »FĂŒnfte Evangelium« sich seinem Wesen gemĂ€ĂŸ entfalten kann.

Quelle: Die Drei, Heft 4, 2015

Erscheinungsdatum: 08.2014
Einbandart: Leinen
Seiten: 120
ISBN 978-3-905919-58-5

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